Hilfe, meine Klientin liebt mich

Hilfe, meine Klientin liebt mich

In diesem Artikel soll es um zwischenmenschliche Beziehungen, vor allem, Liebe und den Umgang damit gehen. Nachdem ich kurz auf die Zusammenhänge eingegangen bin, möchte ich Ihnen zuerst ein einfaches Lösungsmodell vorstellen. Abschließen werde ich den Artikel mit dem Modell der Reflektierenden Positionen. Das Modell lässt sich sehr gut für alle Formen von Spannungen im professionellen Kontext nutzen.

An die Frauen

Mein Eindruck, nach verschiedenen Gesprächen ist es, dass Frauen viel öfters vor der Problematik stehen, dass sich Klienten in sie verlieben. Das hat verschiedenste Ursachen, auf die ich jetzt nicht näher eingehen möchte.

Ich bitte um Verständnis, dass ich diesen Artikel aus einer männlichen Sicht schreibe. Dennoch hoffe ich, dass Sie, meine Damen, den Inhalt für sich nutzen können.

Das Ding mit der Liebe

Meine Klientin liebt mich – fraglos ist das eine Ausnahme, dennoch kommt sie häufiger vor, als wir glauben. Vieles von dem, was nun folgt, lässt sich auf die Beziehung zwischen Leitung und Mitarbeiter übertragen.

Als Leitung, Therapeutin, Coach, Krankenschwester oder Altenpfleger gehen wir in eine Rolle. Je klarer wir unser Amt, unsere Rolle, einnehmen, umso einfacher lässt sich mit schwierigen Situationen umgehen.

Aus unserer Rolle heraus unterstützen wir Menschen. Wir sind warmherzig und zeigen unseren Klienten ihre schönen Seiten auf. Dass diese Blickrichtung aus unserem Amt heraus entsteht, wird schnell übersehen. Der andere, private Teil unserer Persönlichkeit bleibt oftmals verborgen. Viele unserer Macken und Schwächen werden wir im Arbeitskontext nicht zeigen.

Es ist wertvoll, wenn sich Klienten auf uns einlassen. Wenn sie sich angenommen und gesehen fühlen. Manchmal kommt es dann vor, dass sich Klienten in uns verlieben. Sie können die Situation auch umdeuten. Sollten sich Klienten in uns verlieben, verlieben sie sich in ein Bild ihres Selbst, welches wir ihnen aufzeigen.

Fremdliebe ist oft Eigenliebe

Wir unterstützen unsere Klienten. Vereinzelt bieten wir ihnen eine Hoffnung an, die sie selbst nicht mehr sehen. Es kann in diesen Situationen vorkommen, dass sich eher heterosexuelle Klienten in eine Person verlieben, die gleichgeschlechtlich ist. Doch wie können wir damit umgehen?

Thematisieren der Liebe

Oftmals werden Klienten sich nicht trauen, ihre Gefühle Ihnen gegenüber als Liebe zu bezeichnen. Die Gefühle werden als freundschaftlich oder Zuneigung benannt. Vorsicht! Genau das können sie natürlich sein. Zeitweise ist es aber mehr.

Thematisieren Sie die Gefühle. Sprechen Sie darüber, wie sie entstanden sind und wo die Klientin sie schon mal wahrgenommen hat. Hier kann sich auskristallisieren, ob es eine Zuneigung oder gar Liebe ist. Lassen Sie dabei immer wieder einfließen, dass Sie in dieser bestimmten Situation mit Ihrer Klientin eine Rolle einnehmen.

Besprechen Sie Situationen, in denen sie sich anders, als im Kontext ihrer Arbeit verhalten. Lassen Sie den Unterschied zwischen Privatleben und Beruf immer mal wieder einfließen.

Liebe macht selektiv Blind

Drei unangenehme Seiten

Nun werden Sie sich sicherlich auch schon einmal verliebt haben. Verlieben ist etwas Komisches. Es macht uns selektiv blind. Wir sehen nur die positiven und schönen Seiten in der Person, in die wir uns verliebt haben. Die unangenehmen oder schwierigen Seiten nehmen wir, wenn überhaupt, als Ausnehmen wahr. Die Ausnahmen bestätigen die Regel.

Diesen Umstand können Sie in derartigen Gegebenheiten nutzen. Suchen Sie mit ihrer Klientin gezielt nach Dingen oder Situationen, die an Ihnen nicht liebenswert sind. Je besser Sie Ihr Amt eingenommen haben umso weniger wird Sie ein solches Gespräch auf der persönlichen Ebene treffen.

Beenden Sie das Gespräch nicht, bevor nicht mindestens drei Punkte benannt wurden. Eine Situation stellt eine Ausnahme der Regel dar. Zwei Dinge können ein Zufall sein. Ab drei Punkten formt sich ein Muster. Dieses Muster legt nahe, dass es noch mehr als drei wenig liebenswerte Seiten an Ihnen gibt. Nach diesem Gespräch wird die interne Suche nach Ausnahmen bei Ihrer Klientin wahrscheinlich weiterlaufen.

Wir sind auch nur Menschen

Wenn Menschen miteinander reden oder gar arbeiten, werden sich Ab- und Zuneigungen entwickeln. Hiervor sind wir nicht gefeit. Auch uns kann es passieren, dass wir uns zu einer Klientin hingezogen fühlen.

Es ist eine Frage der Ethik, sich über das Verhältnis zwischen Ihnen beiden klar zu werden. Für mich gibt es immer ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Klienten und mir. Ähnlich sehe ich das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeiter.

Eine Beziehung auf dieser Ebene wäre für mich persönlich ethisch nicht vertretbar. Dennoch gab es Situationen, an denen ich an meine Grenzen gekommen bin. Eine dieser Situationen möchte ich nun nutzen, um Ihnen die Möglichkeit der Reflektierenden Positionen aufzuzeigen. Da Phänomen von Übertragung und Gegenübertragung lasse ich hierbei außen vor. Ich werde es in einem weiteren Artikel aufgreifen.

Nach einer langen Phase der Streitigkeiten hatte meine Klientin für sich eine Klarheit gefunden und Stellung bezogen. Die Grundsituation war geklärt und sie war deutlich gestärkt aus den Auseinandersetzungen herausgegangen. Das anstehende Gespräch sollte der Auswertung dienen.

Bei ihrem Eintreten strahlte sie. Ihre Präsenz nahm den gesamten Raum ein. Erst etwas später merkte ich, dass ich schon einen trockenen Mund hatte. Nach 15 Minuten beidseitigem Gestammel war klar, dass ein Gespräch unter den Voraussetzungen nicht möglich ist. Mit der erotischen Spannung zwischen uns hätte ganz Köln für ein Jahr beleuchtet werden können. Ich musst etwas ändern.

Reflektierenden Positionen

Die Reflektierenden Positionen

Reflektierende Positionen meint genau das, was es sagt. Sie nehmen mit Ihrem Gegenüber eine andere Position im Raum ein, aus der Sie die Grundkonstellation reflektieren. In meinem beispielhaften Fall nehme ich mit der Klientin einen anderen Platz im Zimmer (Position 2) ein. Von diesem Platz aus konnten wir über das, was passiert war sprechen.

Sie können die Reflektierenden Positionen auch in größeren Gruppen verwenden. Hierbei empfiehlt es sich, jeweils einen Vertreter aus einer Kleingruppe heraus zu nehmen. Beispielsweise aus jedem Team oder aus der Gruppe, die sich stark beteiligt sowie aus der Gruppe, die sich sehr zurückhält.

Der Vorteil der Reflektierenden Positionen ist der Abstand zum Geschehen. Hier kann dissoziiert über die Prozesse in der Situation und Gefühle gesprochen werden. Das Reden, gerade über Gefühle, fällt einfacher. Für mich sind die Reflektierenden Positionen eine gute Form der Metakommunikation. Doch zurück zum Beispiel.

Ich lud die Klientin ein, sich auf zwei andere Stühle (Position 2) zu setzen: „Ich merke, dass ich derzeit sehr abgelenkt bin, da ich mich Ihnen sehr nah fühle. Ich möchte mit Ihnen gerne darüber sprechen, was zwischen uns stattfindet. Dazu würde ich Sie bitten, mit mir dort drüben Platz zu nehmen.“ Sie war einverstanden und wir wechselten die Sitzposition.

„Ich würde gerne mit Ihnen darüber sprechen, was gerade zwischen den beiden dort (Bewegung mit der Hand in Richtung der Position 1) stattgefunden hat. Ich habe die Situation als sehr nah empfunden. Wie haben Sie das Gespräch empfunden?“ Sie sprach nun darüber, wie sehr ihr unsere Gespräche geholfen hatten. Ich hatte ihr geholfen, sich selber ernst zu nehmen und zu behaupten. Dass alles so funktioniert hätte, wäre nur mein Verdienst gewesen.

Den letzten Punkt konnte ich gut aufgreifen. Wir sind den gesamten Prozess noch einmal gemeinsam durchgegangen. Hierbei legte ich den Schwerpunkt darauf, dass sie sich zum einen eingelassen hat. Zum anderen hat sie die Umsetzung alleine bewerkstelligt. Hier konnten wir beide gut separieren, welcher Anteil von Ihr kam und welchen ich beigesteuert hatte.

So konnte ich gezielt ihre „Selbstliebe“, die Erleichterung über den Ausgang und ihre Übertragung auf meine Person aufzeigen. Ich selbst konnte den Stolz, auf meinen Teil der Arbeit reflektieren und wieder zurück zu mir holen. Die gegenseitige Zuneigung lief in den Arbeitsprozess zurück. Hier gehört sie hin.

Nach dem Gespräch bat ich sie, wieder auf die alten Plätze (Position 1) zurückzugehen. Hier konnte meine Klientin benennen, dass sie mir gegenüber dankbar und gleichzeitig unglaublich stolz auf sich ist. So konnten wir die Sitzung beenden und ich brauchte erst mal eine ausgedehnte Pause.

Hier geht es zur Methodenübersicht.

Es ist wichtig, dass Sie die Reflektierenden Positionen auf dem Ausgangspunkt beenden, um die Resultate des Gespräches hier zu manifestieren.
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4 comments on “Hilfe, meine Klientin liebt mich

  1. Hallo Peter, danke dass du dieses Thema mal aussprichst.
    Ich bin zwar nicht „offen“ als Coach tätig, leite aber einige Online Zeichenkurse mit den Teilnhehmern.

    Und hin- und wieder meine ich, schwärmerisches Verhalten und Kommunikation bei meinen Teilnehmerinnen zu entdecken.

    Reflektiv prüfe ich natürlich bei mir, was ich da ausstrahle und ob das überhaupt stimmt. Vielleicht sehe ich das ja selber gefärbt.

    Auf jeden Fall hat schon die eine oder andere Teilnehmerin ihre Angst vor Sichtbarkeit mit eigenen Werk überwunden, vielleicht auch wegen dem guten Rapport, den wir hatten.

    Wie auch immer, genau hingucken und ggf. thematisieren. Da kommen wir nicht drumherum.

    Viele Grüße,
    David

    1. Vielen Dank David,
      entschuldige, dass meine Antwort etwas spät kommt.
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Ich glaube, dass es diese „Schwärmerei“ viel öfter gibt, als sie wahrgenommen wird. Aus meiner Sicht ist es auch ein kleines Tabuthema.
      Über solchen Gefühlen, sollten wir als Trainer/Coaches doch stehen. Zum anderen fällt es menschlicher Weise schwer, anderen zu erklären, dass ihre Gefühle nicht geteilt werden. Da verschweigt man es lieber.
      Ich wollte mit dem Artikel auch für ein wenig Sensibilisierung sorgen. Ob mir dies gelungen ist, wird sich zeigen.
      Lieben Gruß
      Peter

  2. Hallo zusammen,
    gerne würde ich euch von meinen Erfahrungen erzählen und zwar aus meiner Sicht als Klientin/Patientin (bin keine Therapeutin). Seit 1 Jahr bin ich in einer tiefenpsychologischen Psychotherapie und schon von der 6. Stunde an, habe ich mich unheimlich in meinen Therapeuten verliebt! Ich schwebte auf Wolke 7 und war in einem tagelangen Hoch, wie wenn ich Drogen genommen hätte. Dass das nicht sein durfte, war mir bewusst, aber dieses Gefühl konnte ich nicht einfach abstellen. Zum Glück hat mich mein Therapeut zuerst darauf angesprochen und ich konnte es auch immer wieder thematisieren. Er sagte mir auch, dass es keine Liebe ist, da nichts von ihm zurück komme. Das habe ich vom Verstand her begriffen und trotzdem brauchte es Monate, bis ich auch mit meinem Gefühl verstand, voher diese Zuneigung kam. Es ist eine starke kindliche Liebe zu ihm, da ich in meiner Kindheit nicht viel Liebe, Wärme und Verständnis bekommen habe. Er verkörpert/spiegelt das, was ich mir als Kind und Jugendliche immer sehnlichst gewünscht hatte; jemand der mir zuhört, mich ernst nimmt und mich nicht abwertet. Auch heute noch spüre ich diese Bindung, zudem ist er für mich eine sichere Basis, welche mir hilft, mich ihm zu öffnen und zu Vertrauen, dass er mich nicht fallen lässt. Es ist nicht immer einfach mit diesen Gefühlen umzugehen, aber ich weiss, dass sie jetzt halt zur Therapie dazu gehören und sein dürfen. So habe ich viel über mich und allgemein über Psychologie gelernt und irgendwann werden sich meine Gefühle auch wieder normalisieren.
    Und es ist auch nicht so, dass ich keine Freunde hätte und er deshalb meine einzige Bezugsperson wäre. Sondern ich habe einen Mann, Freunde und auch eine Arbeitskollegin, die viel Verständnis für meine Situation haben, was mir auch hilft.
    Liebe Grüsse
    Trix

    1. Vielen Dank für diese sehr persönliche Schilderung,
      liebe Trix.
      Ich freue mich sehr, dass Sie einen Therapeuten gefunden haben, der gut mit der Situation umgehen kann. Gefühle und Verstand laufen (leider?) nicht immer im gleichen Schritt miteinander.
      Ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg für Ihren weiteren Weg.
      Mit Hochachtung

      Peter Wiesejahn

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