Soziale Systeme und ihre Grenzbildung

Soziale Systeme und ihre Grenzbildung

In der Systemtheorie bestehen soziale Systeme aus Kommunikation. Wenn in der systemischen Beratung oder Führung von Systemen gesprochen wird, sollten diese Systeme auch gut erkennbar sein. Hier stellt sich die Frage, woran Sie diese Grenzen erkennen.

Da die Grenzen leider nicht aufgezeichnet und glücklicherweise ohne Stacheldraht auskommen, ist das nicht immer einfach. Die Art und Weise, wie kommuniziert wird, gibt Ihnen einen Anhaltspunkt für die Grenzen des Systems.

Grenzbildung durch Kommunikation

Grenzbildung durch Kommunikation

Durch ihre Kommunikationsprozesse erschaffen soziale Systeme eine Innen- und Außenunterscheidung. Sie bilden eine Grenze und sind als unterscheidbare Einheiten erkennbar.

Die Grenze des sozialen Systems ist hierbei nicht direkt zu beobachten, sie ist in ihrer Innen-außen-Unterscheidung jedoch erlebbar. Innerhalb eines bestimmten sozialen Systems wird anders kommuniziert wie außerhalb des Systems.

Gut illustrieren lässt sich diese am Beispiel einer Familie mit einem neugeborenen Kind. Selbst wenn die Mutter eine hochbezahlte Rhetoriktrainerin ist, wir sie im Gespräch mit dem Kind eher auf Einwortsätze, Wiederholungen und eine Art „Babysprache“ zurückgreifen. Der Vater, der mit seiner Tochter stundenlang „Kuckuck, wo ist der Papa denn“ spielt, wird dieses wahrscheinlich, und hoffentlich, nicht auf seinen Posten als Chefmanager eines Versandunternehmens übertragen.

Ich bin mit meinem Kollegen privat befreundet. Unsere gemeinsame Geschichte reicht deutlich über unsere gemeinsame Arbeitszeit hinaus. An unserer Kommunikation kann ein Außenstehender erkennen, in welchem Bereich wir uns gerade befinden.

Im Bereich des „Freundschaftssystems“ wird über viele persönliche Themen gesprochen und man spricht sich per „Du“ an. Auch wenn die private Ebene stets thematisiert wird, wurde für den geschäftlichen Bereich eine Ansprache mit „Sie“ abgesprochen und der Austausch auf sachliche Themen begrenzt. Hier bestätigt sich die Aussage von Prof. Simon, dass in der Kommunikation immer mitgeführt und markiert wird, zu welchem System sie gehört.

Ähnliche Systemgrenzen zeigen sich in Teams. So ändert sich die Kommunikation unter den Beteiligten deutlich, wenn der Vorgesetzte in den Teamsitzungen anwesend ist. Dies führt meist dazu, dass beispielsweise Supervisionen ohne Vorgesetzten durchgeführt werden. Soll der Vorgesetzte mit einbezogen werden, so wird er gezielt zur Supervision eingeladen.

Es gibt eine Kommunikationsform, die sehr deutlich Grenzen makiert. Auf diese möchte ich kurz eingehen, damit Sie zu mindestens davon gehört haben.

Formalisierte Kommunikation

Ein Vertrag stellt eine formalisierte Kommunikation dar. So wird mit einem Arbeitsvertrag die Aufnahme in die Organisation eine Innen-Außen-Grenze sehr deutlich hergestellt.

Aus einem Außenstehenden wird nun ein Mitarbeiter mit Rechten und Pflichten. Sowohl Arbeitsauftrag wie auch Position des Mitarbeiters können sich innerhalb der Organisation wie auch bei einem Wechsel in eine andere Organisation verändern, die formalisierte Kommunikation des Vertrages bleibt erhalten und stellt damit auch die Grenze sicher.

Aufrechterhaltung von Grenzen

Aufrechterhaltung von Grenzen

Da das Netzwerk von Kommunikationsprozessen, das soziale Einheiten von anderen Systmen abgrenzt und intern strukturiert, das soziale System bilden kommt der Aufrechterhaltung der Grenzen ein wichtiger Stellenwert zu.

Ferner sorgen eingehaltene und sichere Grenzen dafür, dass die interne Kommunikation eines sozialen Systems in gewohnter Weise weiterlaufen kann. Zur Aufrechterhaltung der Grenzen ist es wichtig, dass Kommunikation fortsetzt.

In Freundschaften wie auch in Organisationen durchläuft die Kommunikation eine Geschichte, die in der Vergangenheit beginnt und die Zukunft planen kann. Ein gutes Beispiel für solche Geschichten in Freundschaften oder Familien sind Fotoalben. Hier wird, anhand von Bildern, über vergangene Erfahrungen und Erlebnisse kommuniziert. Andere rein kommunikative Beispiele für das Neubeleben der Vergangenheit sind Satzstücke wie: „Weist du noch …“; „Damals …“; „Sie spielen unser Lied.“ …

Die Planung der Zukunft gestaltet sich ähnlich. Unter Freunden kann die Zukunftsplanung über eine telefonische Verabredung für ein (zukünftiges) Treffen, dem Planen einer gemeinsamen Aktion wie einem Urlaub bis zum Zusammenleben im Rentenalter laufen. Bei Familien geht es vielleicht um den Umzug in eine größere Wohnung, um der Familienplanung gerecht zu werden oder um den nächsten Urlaub.

In Organisationen ist bereits durch die Rechte und Pflichten im oben benannten Vertrag eine Sicherung der Grenzen gegeben. Unter anderem geht es in Verträgen oftmals um „Stillschweigen“ über betriebliche Abläufe und interne Gespräche gegenüber Dritten.

Aber auch Kommunikationen in Organisationen drehen sich um Vergangenheit und vor allem um die Zukunft. Neben Gesprächen über die „Gute alte Zeit“ gibt es eine Organisationsgeschichte von der Gründung dieser Organisation über gelöste Probleme bis hin zu Mythen über Teams und Personen.

Die Zukunft ist in Organisationen „das“ Thema. Hier geht es um den Erhalt und den Fortbestand dieser Organisation. In diesem Zusammenhang werden Entscheidungen getroffen, Prozesse angestoßen und die Organisation (weiter) entwickelt.

Ein weiterer Punkt, der für die Aufrechterhaltung von Grenzen in Organisationen eine zentrale Rolle spielt, ist die strukturelle Kopplung von Aktionen.

Durch klare Ablauf-, Notfall-, und Zielplanungen werden Strukturen vorgegeben, deren Einhaltung, jenseits der einbezogenen Akteure, die Grenzen der Organisation sichert.

Notfallpläne sogen beispielsweise dafür, dass Krisen im Unternehmen schnell eingegrenzt werden können, und mindern so die Gefahr für den Fortbestand der Organisation.

Quellen und Weiterlesen

Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus – F. B. Simon

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