Lösungsorientiert denken

Systemische Fragen

4.9
(13)

Das Thema Systemische Fragen ist bereits mit dem Artikel über ressourcenorientierte Fragetechniken gestartet. Die Fragetechniken, die Sie dort finden, sind bereits Systemische Fragen. Genauer gesagt haben Sie Ihren Eingang in die Systemische Beratung gefunden.

Mit diesem Artikel soll der Bereich der für Sie interessanten Fragetechniken nun noch erweitert werden. Zum Gesamtrahmen der Ressourcenorientierten Fragetechniken gehören die Lösungsorientierten Fragen. Auch diese wurden von Insoo Kim Berg und Steve de Shazer entwickelt und in der Praxis mit großem Erfolg umgesetzt. Daher werde ich anschließend mit diesen Fragen beginnen.

Lange Zeit wurden „einzig und allein“ die Zirkulären Fragen als Systemische Fragen angesehen. Mit diesen werde ich mich im zweiten Block dieses Artikels beschäftigen.

Abschließend gibt es einen Ausblick auf einen noch relativ jungen Fragebereich. Die Provokativen Fragen. Sie sind hauptsächlich durch die Arbeit von Fank Farrelly bei der Entwicklung der Provokativen Therapie in die Systemischen Fragen eingeflossen. Doch lassen Sie uns mit der Fragen, nach richtig oder falsch starten.

Richtig oder falsch?

Bewertungen in die Richtung richtig oder falsch beziehungsweise gut oder schlecht sind sehr schnell gefällt. Sie gehören zu unserem biologischen Erbe. Wenn sich beispielsweise ein Neandertaler zu lange die Frage stellte, ob es richtig oder falsch ist auf den Säbelzahntiger zuzugehen, hat er sich bald gar keine Fragen mehr gestellt. Wer schnell beurteilt hat, hat eher überlebt.

Auch heute brauchen wir diese schnelle Form von Beurteilungen. Dies vor allem in Gefahrensituationen oder im Straßenverkehr. Leider nehmen wir diese Beurteilung auch in Situationen vor, in den wir keine schnelle Reaktion benötigen. Beobachten Sie sich einmal selber. Wie schnell sind Sie in einem Gespräch mit Ihren Urteilen? Seien Sie hier ehrlich mit sich, Sie brauchen es ja niemanden zu erzählen.

Während es in vielen Beratungen, auch heute noch, um das Beseitigen oder Reparieren von Problemen und Defiziten geht, nimmt die systemische Beratung eine andere Sichtweise ein. Das Hauptaugenmerk der systemischen Arbeit liegt in der Kompetenzerweiterung des Gegenübers.

Hier geht es darum, ob Handlungen passend, bezogen auf die jeweilige Situation, das System oder die Kultur sind oder eben nicht passend. Die Entscheidung, ob etwas passend beziehungsweise nicht passend ist, liegt bei den Personen, die zur Beratung kommen und nicht bei der Beraterin, dem Berater. Ich selber arbeite hier hauptsächlich mit den Begriffen „Hilfreich“ und „Störend“.

Lösungsorientiert denken

Steve de Shaser, der Begründer der Kurzzeittherapie, geht in seinen Gedanken so weit, dass er sagt, dass Lösungen nie etwas mit dem Problem zu tun haben. Das bedeutet, dass ich das Problem gar nicht verstehen muss, um Lösungen zu finden. Weiterhin meint er, dass das Reden über Probleme zu Problemen führt und das Sprechen über Lösungen eben zu diesen Lösungen.

Insgesamt eine eher schwer verdauliche Meinung. Auch hier unterliegen wir einem, diesmal Gedanklichen, Erbe. Langezeit dominierte ein technisches Verständnis unser Denken und Handeln. Auch der menschliche Körper wurde als Maschine angesehen. Wenn eine Maschine nicht mehr richtig funktioniert, analysiert man solange die Störung, bis man den Fehler gefunden hat und beseitigt ihn. Glücklicherweise setzt sich immer mehr die Meinung durch, dass der Mensch keine Maschine ist.

Dennoch hält sich der Gedanke, alles nur gründlich genug analysieren zu müssen, um es dann reparieren zu können, bis heute. Auch aus diesem Grund fällt uns der Gedanke, dass wir ein Problem nicht vollends verstehen brauchen, um eine Lösung zu finden, immer noch schwer.

Die ganzen Grundsätze hinter dem lösungsorientierten Ansatz, darzustellen, würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen. Neben dem Buch von Steve de Shaser verweise ich noch auf meine Artikel zum lösungsorientierten Denken und – Kommunizieren.

Lösungsorientierte Fragen

Statt sich zu stark um das Problem zu kümmern zielen lösungsorientierte Fragen auf mögliche Lösungen und die dazugehörigen Ressourcen. Durch die Form der Fragen kommt es oftmals dazu, dass bisher ungenutzte Möglichkeiten entdeckt werden.

Durch diesen Ansatz können Sie eine Beratung in ein positives Licht lenken. Es geht hierbei um das, was funktioniert. Um Möglichkeiten, Stärken und Chancen. Kurz und gut, um das, was für unser Gegenüber hilfreich ist. Nach meiner Erfahrung zieht es Menschen eher runter, wenn Sie zu lange über ein Problem reden.

Lösungsorientierte Fragen eigen sich nicht, wenn Menschen schon zu tief in ihrem Problem stecken und sich ein Leben ohne dieses Problem kaum oder gar nicht mehr vorstellen können.

Beispiele:

  • Woran erkennen Sie, dass Sie in der Erziehung auf dem richtigen Weg sind?
  • Was sind jetzt die nächsten drei Schritte, die Sie gehen können, um ihr Ziel zu erreichen?
  • Wer kann Sie auf ihrem Weg unterstützen? Wer ist für den Erfolg noch wichtig?
  • Wie haben Sie ähnliche Probleme früher gelöst?
  • Wodurch ließe sich das Problem vermeiden?
  • Wann lief oder läuft es gut?
  • Welche ihrer Stärken können Sie nutzen, um das Problem zu lösen?

Die drei Wahrnehmungspositionen

Die drei Wahrnehmungen einer Situation

Grundsätzlich lässt sich jede Situation aus drei verschiedenen Positionen beobachten. Die erste Position ist die „Ich-Position“ oder auch „Unsere Seite“. Die zweite, die „Du-Position“ oder „Die andere Seite“. Und abschließend, die „Neutrale“ Beobachtung des Zusammenspiels von „Ich“ und „Du“.

Um dieses an einem Beispiel aus der Geschichte zu verdeutlichen, greife ich hier auf den Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung Mahatma Gandhi zurück. Im wird nachgesagt, dass der vor jeder seiner Aktionen alle drei Positionen sehr deutlich durchdacht hat.

In der „Ich-Position“ ging es darum, wie er selber, aber auch, wie seine Anhänger zu der Aktion standen. Die „Du-Position“ nutzte er, um darüber nachzudenken, wie das britische Empire über seine Aktionen dachte und mit welchen Reaktionen zu rechnen ist. Bei der „Beobachter-Position“ ging es ihm darum, zu überlegen, wie das Zusammentreffen der Unabhängigkeitsbewegung mit dem britischen Empire von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen werden würde. Erst wenn er alle drei Positionen gründlich durchdacht und zu einem positiven Ergebnis gekommen war, führte er die Aktion durch.

Die meisten Menschen bleiben in der „ich-Position“ hängen. Zum einen kennen sie die „Ich-Position“ am besten. Zum anderen gehen sie, trotz besseren Wissens davon aus, dass andere die Situation genauso einschätzen wie sie. Weiteres hierzu finden Sie im Artikel zu den Wahrnehmungspositionen.

Zirkuläre Fragen

Die zirkulären Fragen sollen das Denken aus der „Ich-Position“ aufweichen. Das tun sie, indem sie einen Perspektivwechsel herbeiführen. So werden die zu Beratenden nicht nach ihrer Einstellung oder ihren Handlungen befragt, sondern zu denen anderer Personen aus ihrem Umfeld.

Durch diesen innerlichen Positionswechsel werden Prozesse in den Beziehungen erforscht und neue Sichtweisen in das Denken aufgenommen. Das Hineinversetzen in die Gefühls- und Gedankenwelt von Dritten kann eine immense Wirkung haben. Gleichzeitig braucht es manchmal etwas Übung und dranbleiben.

Beispiele:

  • Wie wird Ihr Kind reagieren, wenn Sie als Mutter nach einem Streit mit dem Vater weinen?
  • Wie fühlt sich wohl Ihr Mann, wenn sie ihre Kinder anschreien?
  • Wie würde ihre Leitung die Frage beantworten?
  • Was glauben sie, welche Erwartungen die Eltern an die Zusammenarbeit zwischen ihnen und ihrer Kollegin haben? (Hier müssen Sie vermutlich genauer nachfragen.)
  • Wie würde der Vorstand in dieser Situation handeln?
  • Was glauben sie, wie es kommt, dass Ihre Kollegin in der Situation anders reagiert hat, als sie es erwartet haben?
  • Wie sieht dieses Verhalten wohl aus der Position der Kinder aus?
  • Was würde ein Passant auf der Straße wohl denken, wenn er sie so handeln sehen würde?

Paradoxe Fragen

Paradoxe Fragen

Paradox bedeutet widersprüchlich. Bei paradoxen Fragen geht es, darum eine als schwierig empfundene Situation zu überzeichnen und quasi noch „tiefer in den Kaninchenbau“ zu führen.

Um hier gut arbeiten zu können, ist es wichtig sich eine systemische Grundhaltung immer wieder ins Gedächtnis zu holen. Dies besagt: „Sei respektvoll gegenüber der Person und durchaus respektlos gegenüber dem Problem.“

Das bedeutet, dass Sie eine gute, wertschätzende Beziehung dem Anderen gegenüber haben sollten, bevor Sie paradox arbeiten. Eine gute Beziehung in diesem Sinne lässt sich über eine entsprechende Haltung auch schon nach Minuten erreichen. Eine Prise Humor kann übrigens auch sehr hilfreich sein.

Beispiele:

  • Was könnten Sie tun, damit ihr Kind nichts mehr mit ihnen zu tun haben möchte?
  • Wie könnten sie dafür sorgen, dass sie schnell ein Burnout erleiden?
  • Wodurch könnten sie ihre Beziehung endgültig zum Scheitern bringen?
  • Wie ließe sich das Problem noch verschlimmern?
  • Was müsste passieren, damit sie gefeuert werden?
  • Wie können sie dafür sorgen, dass ihr Partner sich von ihnen trennt?
  • Wann ist es am einfachsten ihre Frau zum Explodieren zu bringen?
  • Wie könnten sie dafür sorgen, dass ihre Motivation noch weiter fällt?
  • Wie können sie dafür sorgen, dass sich ihre Kinder noch mehr streiten?

Quellen und Weiterlesen

Wege der erfolgreichen Kurztherapie – de Shazer, S.

Systemisch-ressourcen-orientiertes Arbeiten in der Jugendhilfe – Winkelmann, I.

Beratung ohne Ratschlag – Radatz, S.

Glauben Sie ja nicht, wer Sie sind! – Höfer, N.

Zirkuläres Fragen – Simon, F. B.

 

Möchten Sie keinen Artikel mehr verpassen? Wollen Sie zusätzlich den Selbstcoachingbrief erhalten? Dann tragen Sie sich doch einfach in den Newsletter ein!

Unser Newsletter informiert Sie über Themen der sozialen Arbeit im Insbesonderen über Themen von Leitungsfunktionen in der sozialen Arbeit. Informationen zu den Inhalten, der Protokollierung Ihrer Anmeldung, dem Versand über den US-Anbieter MailChimp, der statistischen Auswertung sowie Ihren Abbestellmöglichkeiten, erhalten Sie am Ende unserer Datenschutzerklärung.



Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 4.9 / 5. Anzahl Bewertungen: 13

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

2 comments on “Systemische Fragen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.