Übertragung und Gegenübertragung

Übertragung und Gegenübertragung

Übertragung und Gegenübertragung kommen überall, in vielen Situationen vor. Näher untersucht wurden sie in der Psychoanalyse. Wenn Sie mit Menschen arbeiten, vor allem in einer sozialen Organisation, sollten Sie die Phänomene kennen.

Beide haben einen immensen Einfluss im zwischenmenschlichen Kontakt. Vor allem in Bereichen, in denen es um Erwartungen geht. Es ist bedauerlich, dass sie selten auf dem Lehrplan stehen.

Etliche Konflikte im Kontakt gehen auf diese Übertragungsphänomene zurück. Hier kann es sehr hilfreich sein, unterscheiden zu können. Manchmal haben die Konflikte mit Ihnen persönlich wenig zu tun. Sie hängen an dem Amt, ihrer Rolle, die Sie übernehmen.

Die Übertragung

Die Übertragung

Ein Beispiel

Ich möchte Ihnen die Übertragung am Beispiel der Jugendhilfe erklären. Eine Mutter hat gute Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht. Sie fühlt sich in Ihrer Rolle überlastet. Die Überlastung führt zu einer, auch körperlich, geschwächten Situation. Wahrscheinlich wird die Mutter die Familienhilfe als wohlwollende, sie unterstützende Person ansehen. Ein wenig Erleichterung macht sich breit. All die angenehmen Gefühle, die die Mutter in Bezug auf die Hilfe hat, werden auf die Pädagogin übertragen. Es geht natürlich auch anders herum.

Eine andere Mutter liegt seit Jahren im Streit mit dem Jugendamt. Die letzte Hilfe musste die Familie verlassen, da eine gemeinsame Arbeit nicht möglich war. Solche unangenehmen Gefühle werden ebenfalls auf die neue Hilfe übertragen. Die neue Hilfe wird einen recht schweren Start haben. Auch hier haben die ursprünglichen Gefühle nichts mit der Person zu tun, die die Hilfe übernimmt. Dennoch wirken Sie sich aus.

Gleiche Szenarien gibt es im Umfeld der Krankenpflege, Altenhilfe, Behindertenhilfe …. Also in jedem sozialen Bereich. Auch unter den Mitarbeitern gibt es solche Übertragungen in Richtung der Leitung und untereinander. So spricht man in der Konfliktphase der Gruppendynamik beispielsweise von Geschwisterstreit.

Übertragung und Leitung

Gerade im Hinblick auf die Leitung kommen Übertragungen recht häufig vor. Zum einen gibt es die Leitungserfahrungen, welche die Mitarbeiter bisher gemacht haben. Wie die Verwendung des Wortes Geschwisterstreit (Gruppendynamik) schon erahnen lässt, gehen Übertragungen bis in die Ursprungsfamilie zurück. Es kommt häufig vor, dass die Leitung mit Übertragungen aus dem Elternbereich zurechtkommen muss.

Die Übertragung verbindet vergangene Erfahrungen mit der Gegenwart. Sie macht sehr deutlich, welchen Einfluss vergangene Erlebnisse, ob positiv oder negativ, auf unser aktuellen Kontakte haben. Hieran zeigt sich auch, dass die Übertragung ein natürliches und wichtiges Phänomen ist. Sie unterstützt uns auf vertraute Konfliktlösungen und Erfahrungen, der Vergangenheit, zurückzugreifen. Sie hilft Ihnen, sich vor einer Reizüberflutung zu schützen und dabei effektiv zu agieren.

Die Gegenübertragung

Die Gegenübertragung

Freud definierte die Gegenübertragung als den Einfluss des Patienten auf das unbewusste Fühlen des Arztes. Da ich die Gegenübertragung als „in jedem Kontakt“ geben ansehe, ist meine Definition: Gegenübertragung ist der Einfluss eines Gesprächspartners auf das unbewusste Fühlen seines Gegenübers.

Ein Mitarbeiter erzählt Ihnen nüchtern von einem Konflikt mit einem Patienten. Obwohl Sie vorher ausgeglichen, ja sogar beschwingt, waren, spüren Sie eine Wut in sich. Ihrem Mitarbeiter ist das Gefühl der Wut momentan nicht bewusst.

Gerade, wenn Sie stärkere Stimmungsschwankungen wahrnehmen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Gegenübertragung handelt, groß. In solchen Situationen kann es sehr hilfreich sein, Ihre Gefühle zu benennen. „Ich merke, dass ich bei Ihrer Schilderung wütend werde.“ Das schafft für Ihren Mitarbeiter den Freiraum, sich seiner Gefühle bewusst zu werden.

Seine Gefühle zu erleben ist sicherlich kein Ziel in einem Arbeitskontext. Bedenken Sie jedoch, um bei dem Beispiel zu bleiben, dass eine angestaute Wut sich entladen wird. Auch wenn das Anstauen unbewusst geschieht. Die Entladung könnte zu einem unpassenden Zeitpunkt und unangemessen verlaufen.

Selbsterfüllende Prophezeiung

Die Übertragung und Gegenübertragung gehen schnell in eine selbsterfüllende Prophezeiung über. Nehem wir an, einer Ihrer Mitarbeiter denkt: „Leitungen sind Mitarbeiter, die die eigentliche Arbeit nicht können und so aus dem Verkehr gezogen wurden.“ Die Übertragung führt nun dazu, dass er Ihren kleinsten Fehler wahrnimmt. Positive Situationen wird er wahrscheinlich ausblenden. Aus seiner Sicht hat er recht.

Nehmen wir weiterhin an, sie werden bei diesem Mitarbeiter viel schneller wütend als bei den anderen. Hier könnte es sich um eine Gegenübertragung handeln. Die Wut des Mitarbeiters in Ihre Richtung wird unbewusst von Ihnen wahrgenommen. Letztendlich geben Sie die Wut an Ihren Mitarbeiter zurück.

Dieses Beispiel zeigt nebenbei die äußerst schwierige „Spielvariante“ der Prozesse. Vergangene Erfahrungen werden neu belebt. Plötzlich sind Sie eine Spielfigur in einem Spiel, dass Sie gar nicht kennen. Es wird noch schlimmer. Sie kennen noch nicht einmal die Spielregeln, da alles sehr verdeckt läuft.

Gegenübertragung und Selbstbewusstsein

Selbstbewusstsein und Hinschauen

Es lässt sich nicht immer Sagen, ob die Gefühle, Sie empfinden, Ihre sind oder ob es sich um eine Gegenübertragung handelt. Hier brauchen Sie einen Raum um Ihre Gefühle zu reflektieren. Supervision und Coaching können solche geschützten Räume sein.

Dort können Sie ihre Gefühle im Kontext der Situationen reflektieren. Es gibt keine falschen und richtigen Gefühle. Alle haben ihre Berechtigung. Damit betreten wir den Bereich des Selbstbewusstseins. Ich meine dies wortwörtlich. Seien Sie sich Ihrer selbst bewusst.

Wir alle tragen wundervolle Zeiten sowie Narben in und mit uns. Je mehr wir uns dieser bewusst sind umso mehr können wir sie für die Arbeit und unser Privatleben nutzen. Sie werden viel schneller Merken, was Ihre Anteile in einem Kontakt sind und welche Anteile zum gegenüber gehören. Unterstützung finden Sie in Bereichen der Selbsterfahrung. Je nach Tiefe der Narben sollten Sie ruhig über eine Therapie nachdenken.

Umsetzung in der Praxis

Umsetzung in der Praxis

Machen Sie sich klar, dass Übertragungen ein tägliches Phänomen sind. Sie können positiv oder negativ sein. Grundsätzlich haben sie nichts mit Ihnen zu tun. Sich diesem Phänomen bewusst zu sein kann Ihnen helfen, Dinge nicht zu persönlich zu nehmen.

Wenn Sie bei sich Stimmungsschwankungen während eines Gespräches feststellen, halten Sie kurz inne. Überlegen sie, ob es sich um eine Gegenübertragung handeln könnte.

Wann immer möglich sollten Sie Zeit in den Bereich Selbsterfahrung investieren. Ob Sie das in einem Coaching, einer Supervision oder einer Weiterbildung machen ist wenig ausschlaggebend. Je besser Sie sich kennen umso einfacher werden Sie mit schwierigen Situationen umgehen können.

Gerade, wenn es um sehr schwierige Erfahrungen geht, scheuen Sie nicht vor einer Therapie zurück. Die Wahrscheinlichkeit, dass genau diese Bereiche während ihrer Arbeit Nahrung erhalten ist, leider sehr groß.

Ich hoffe, dass eine Teamsupervision, beziehungsweise ein Teamcoaching zu Standard Ihrer Organisation gehören. Leider weiß ich, dass dies nicht immer der Fall ist. Versuchen Sie dann bitte zu mindestens ein bis zwei Teamtage bei Ihrem Vorgesetzten herauszuschlagen. Diese sollten unter fachlicher Leitung stattfinden.

Weiterlesen

Die konstruktivistische Sicht auf die Phänomene

Ziehen Sie das Jackett aus (PDF)

Hier geht es zur Methodenübersicht.

 

Möchten Sie keinen Artikel mehr verpassen? Wollen Sie zusätzlich den Selbstcoachingbrief erhalten? Dann tragen Sie sich doch einfach in den Newsletter ein!



2 comments on “Übertragung und Gegenübertragung

    1. Hallo Gabriele,
      vielen Dank für Ihre Information. Sie sind eingetragen. Achten Sie bitte darauf, dass post@leitung-supervision.de als vertrauenswürdige Mailadresse gegenzeichnet wird. Da die Mails, die ich versende Links enthalten, landen sie sonst schnell im SPAM – Ordner.
      Freundliche Grüße
      Peter Wiesejahn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.