Wahrnehmung und Wirklichkeit

Unsere Wahrnehmung beeinflusst unsere Welt

Grundannahmen

Ich möchte Ihnen nach und nach die Grundannahmen, die meiner Arbeit zu Grunde liegen, näherbringen. Ich bin mir sicher, dass Ihnen diese Grundannahmen in Ihrer Rolle als Leitung dienlich sein werden. Bei der Ersten ist mir aufgefallen, dass ich das Thema Wahrnehmung etwas ausführlicher behandeln möchte.

Alle Grundannahmen basieren auf einem humanistischen Weltbild. Ich habe sie in verschiedenen Ausbildungen kennen gelernt und auf meine Leitungsfunktionen hin angewendet.

Wahrnehmung und innere Landkarte

Die Landkarte ist nicht das Gebiet

Im zwischenmenschlichen Bereich gibt es keine „objektive Wahrheit“. Unsere Sinne, vergangenen Erfahrungen sowie Überzeugungen prägen unser Bild von der Welt und den Menschen um uns herum. In der Gestalttherapie und im NLP wird in dem Zusammenhang von einer mentalen Landkarte gesprochen.

Wir vergleichen, dass, was uns in der Welt begegnet mit unserer Landkarte und sortieren es ein. Wahrnehmungen, die nicht zu unserer Landkarte passen „machen wir passend“ oder übersehen sie einfach.

Wenn, beispielsweise, eine Teamleitung ordentlich und strukturiert ist, wird ihr ein unstrukturierter Bericht sofort ins Bewusstsein dringen. Je nachdem, wie sie sich kennt, werden die guten Ansätze im Bericht untergehen. Damit wird der Inhalt der Form geopfert. Wenn die Leitung sich über ihre Landkarte im Klaren ist, wird sie mit dem Mitarbeiter an der Struktur arbeiten und die guten Inhalte aufgreifen.

Das Insel – Modell

Mir persönlich gefällt das „Insel – Modell“ von Vera Birkenbihl in diesem Zusammenhang besser. Ich finde, es ist eine gute Metapher. In dem Modell geht Vera Birkenbihl davon aus, dass jeder Mensch in (nicht auf) einer Insel lebt. All seine Erlebnisse, Erfahrungen, Meinungen, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen bilden diese Insel.

Manche Menschen haben eine sehr kleine Insel. Vielleicht gibt es sogar nur einen Standpunkt. Andere erweitern ihre Insel durch neue Erfahrungen, neues Wissen, Weiterbildungen, gezielten Austausch … Hierfür ist es bedeutend, (vermeintliche) Fakten, Fähigkeiten, Erfahrungen und Glaubenssätze in Frage zu stellen und andere Meinungen zuzulassen.

Ich glaube, dass es für eine Teamleitung geboten ist, die eigene Insel langsam aber beständig zu erweitern. Langsam, da wir Zeit brauchen um neue Erkenntnisse, die vielleicht sogar im Gegensatz zu unserem bisherigen Leben stehen, in unser Selbst- und Außenkonzept einzubinden. Das beständige rührt daher, dass ich der Meinung bin, das Lernen nicht endet.

Doch zurück zur unserer Wahrnehmung und damit zur Konstruktion „unserer Wirklichkeit“.

Am Anfang stehen die Sinne

Wir nehmen Fakten mit unseren Sinnen wahr. Sie sind durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken oder körperliche Reize erfahrbar. Doch schon hier setzt eine selektive Wahrnehmung ein. Wir filtern unsere Wahrnehmung, um nicht in einer Reizüberflutung unterzugehen.

Diese Filter helfen uns gleichzeitig unseren Fokus auf Dinge zu richten, die für uns im Moment relevant sind. Wenn Sie beispielsweise hungrig durch eine Einkaufspassage gehen, wird Ihnen der Geruch des Wurststandes wahrscheinlich sofort auffallen. Gehen Sie einigermaßen gesättigt und eilig, da sie eine dringende Besorgung machen müssen, durch die gleiche Fußgängerzone, werden sie den Wurststand mutmaßlich gar nicht erst wahrnehmen.

Die unterschiedlichen Filter führen zu unterschiedlichen Fakten. Hier entstehen oftmals schon die ersten Missverständnisse und Konflikte. Wenn wir unsere wahrgenommenen Fakten, als die einzigen Fakten, die da waren, beschreiben, wird es eng.

Wahrnehmung zu Karneval

Beispiel:

Ich war mit meinem Patenkind auf einem Karnevalsumzug in Köln. Wie immer war ich von den Kostümen und aufwändigen Wagen begeistert. Am besten hatte mir ein großer Wagen, der einen Drachen darstelle, gefallen. Ich dachte, dass es meinem Patenkind genauso gegangen wäre. Zuhause angekommen erzählte er jedoch ausschließlich von den verschiedenen Traktoren, die die Wagen gezogen hatten. Ich selber hatte keinen Einzigen konkret wahrgenommen. Darüber hinaus war ich erstaunt, wie viele verschiedene Traktorarten es gab.

Das ist sicherlich ein einfaches Beispiel, zeigt aber den unterschiedlichen Fokus auf.

Gehen wir zur Bedeutung

Jede faktische Wahrnehmung erhält eine Bedeutung. Die Bedeutung, die wir den Fakten geben hängt von vielen verschiedenen Bedingungen ab. Die meisten dieser Bedingungen sind uns dabei nicht einmal bewusst. Auch hier wieder ein Beispiel:

Ein großer Hund kommt ohne Leine auf sie zu. Der Besitzer ruft von weitem: „Der ist ganz lieb!“ Wenn Sie gute Erfahrungen mit Hunden gemacht haben, werden Sie ihn wahrscheinlich streicheln. Es kann aber auch sein, dass sie Angst vor Hunden haben. Dann werden Sie eventuell steif stehen bleiben und hoffen, dass der Kelch an Ihnen vorbei geht. Wenn Sie schlechte Erfahrungen mit Hunden gemacht haben, ist Ihnen die Angst vor diesem Tier klar. Es kann allerdings auch sein, dass Ihre Eltern Angst vor Hunden hatten und sich diese Angst auf Sie übertragen hat. Damit gibt es keine offensichtliche Klarheit zu der Situation. In jedem Fall sind die Fakten, die Gleichen. Der Hund kommt auf Sie zu. Die Bedeutung, die Sie diesem Szenario geben hängt von Ihrer „Insel“ ab. Ihre Wahrnehmung wird eingefärbt.

Nehmen wir noch ein anderes Beispiel:

Ihr Vorgesetzter ruft Sie in sein Büro, um mit Ihnen über einen Bericht zu sprechen, der ihm nicht gefallen hat. Faktische geht es um die Veränderung eines Berichtes. Je nach Ihren direkten Erfahrungen mit dem Vorgesetzten und den Übertragungen, die sie gegenüber Leitungen haben, wird ihre Bewertung der Fakten anders aussehen. Das reicht von „Der will mich vorführen.“ bis „Er erkennt mein Potential und möchte mich fördern.“

Durch unser bisheriges Leben haben wir bestimmte Glaubensmuster, Werte, Ängste, Vorurteile und vieles mehr entwickelt. Zu einem großen Teil geistern diese Dinge in unserer Insel umher, ohne dass wir sie reflektiert oder gar hinterfragt haben.

Als Leitung sollten Sie sich mit Ihren „Insel-Inhalten“ bewusst Auseinandersetzen. Gute Fragen hierzu sind:

  • Warum gebe ich der Situation diese Bedeutung?
  • Kann ich die Situation anders sehen?
  • Was wäre, wenn die genau gegengesetzte Bedeutung zutreffen würde?

Wahrnehmung und Gefühl

Das Gefühl folgt

Ich hatte in den beiden oberen Beispielen schon etwas vorweggenommen. Sobald wir unsere Fakten eine Bedeutung gegeben haben, entsteht ein Gefühl. Dieses Gefühl beeinflusst wiederum unsere Wahrnehmung, unsere Bedeutung und letztendlich auch die von uns wahrgenommenen Fakten. Es ergibt sich ein Ringschluss unserer Wahrnehmung.

Schlussendlich wird das entstandene Gefühl dafür sorgen, ob und wie wir handeln.

Fazit

Jeder Mensch konstruiert seine eigene Wirklichkeit. Damit ist er für seine Realität verantwortlich. Unsere „Insel“ oder unsere „mentalen Landkarten“ zeigen auf, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen.

Eine „offensichtliche Wahrheit“ gibt es im zwischenmenschlichen Bereich nicht. Es gibt individuelle Wahrheiten. Sie können in verschiedenen Punkten übereinstimmen. In das „Insel-Modell“ übertragen, bedeutet dies, dass sich die „Inseln“ überschneiden.

Ansonsten unterscheiden sich unsere „Inseln“ so sehr voneinander, dass es manchmal an ein Wunder grenzt, dass wir uns überhaupt verstehen.

Was Sie daraus ableiten können

Je besser sie sich als Leitung mit der Konstruktion ihrer eigenen Wirklichkeit auskennen umso einfacher werden Sie sich auf die Konstruktionen Ihrer Mitarbeiter einlassen können. Eine gute Frage, die ich im NLP gelernt habe, ist:

  • Wie muss man denken, um die Welt so zu sehen oder so zu handeln?

Je größer Ihre persönliche Insel wird, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich mit anderen Inseln überschneidet. Hier wird es Ihnen leichter fallen, Brücken zu anderen Menschen zu bauen.

Missverständnisse entstehen durch unterschiedliche „Landkarten“ beziehungsweise „Inseln“. Versuchen sie „richtig“ oder „falsch“ als Unterschied in den verschiedenen Konstruktionen der Wirklichkeit zu sehen. Also als „wahr“ oder „unwahr“ bezüglich der Landkarte.

Als Leitung können Sie ihre Mitarbeiter darin unterstützen, weitere Fakten wahrzunehmen, Bedeutungen zu hinterfragen oder andere anzubieten. Hierdurch wird die „Insel“ ihres Mitarbeiters sich verändern. Wenn sich seine „Insel“ verändert werden sich seine Gefühle verändern und ihm stehen neue Handlungsoptionen zur Verfügung.

Weitergehende Literatur

Literatur

Führen, Fördern Coachen – E. Haberleitner; E. Deistler; R. Ungvari

Birkenbihl on Management – Vera Birkenbihl

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – H. v. Foerster; B. Pörsken

Weiterlesen

Die Wahrheit über die Wahrheit

Wahrheit und Realität

 

Hier geht es zur Übersicht der Grundannahmen die, aus meiner Sicht hilfreich sind.
 

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