Unsere Wirklichkeitskonstruktion

Unsere Wirklichkeitskonstruktion

Eine der Grundideen des Konstruktivismus ist die, dass es so etwas wie Wirklichkeit nicht gibt. Wirklichkeitskonstruktion bedeutet letztendlich, dass jeder sich seine eigene Wirklichkeit schafft.

Im Folgenden möchte ich erst drei Beispiele aus meinem persönlichen Alltag aufgreifen. Sie sollen aufzeigen, wie Wirklichkeitskonstruktionen ablaufen. Anschließend werde ich die Beispiele in den Kontext von Organisationen übertragen. Am Ende gehe ich auf die Bedeutung für Teamleitungen ein.

Die folgenden Beispiele stehen für drei mögliche Wirklichkeitskonstruktionen mit unterschiedlichen Erklärungen und Bewertungen. Die Möglichkeiten und Wirkungen dieser Unterschiedlichkeiten ließen sich noch weiter ausbauen. Aus Platzgründen beschränke ich mich jedoch auf drei.

Wirklichkeitskonstruktion im persönlichen Bereich

Beispiele aus dem persönlichen Alltag

Ich habe mich stets über die Autofahrer geärgert, die ständig und überall hupten. Persönlich fand ich das anstrengend und störend. Ich war da ganz anders, glaube ich jedenfalls bis zu dem Tag, an dem meine Hupe defekt war. Erst ab dem Moment registrierte ich, wie oft ich geneigt war, die Hupe zu betätigen.

Als junger Erwachsener war ich meist mit den gleichen Freunden in Urlaub. Bei einem gemeinsamen Treffen in der Vorweihnachtszeit unterhielten wir uns über die verschiedenen Urlaube.

Ein Freund und ich kamen über gemeinsame Erlebnisse ins Plaudern. Wir erzählten vom wunderschönen Strand, der tollen Bar und den vielen tiefgehenden Gesprächen, die wir bei langen Spaziergängen am Strand führten.

Die Irritation kam, als er von meiner geplatzten Luftmatratze sprach. Erst hier stellten wir unter Lachen fest, der er vom Griechenlandurlaub und ich von dem in Italien gesprochen hatte.

Abschließend möchte ich hier noch den Besuch eines Karnevalszuges mit einem fünfjährigen Jungen aufgreifen. Die „Schull- un Veedelszöch“ in Köln zeichnen sich für mich zum einen durch die geringere Besucherzahl vor allem aber durch ihre kreativen Kostüme und Wagen aus.

Zuhause bei den Eltern der Jungen angekommen, sprachen wir über den Umzug. Ich berichtete ausladend von den tollen Kostümen. Die Schlangen, Drachen und Engel fand ich herausragend. Dem jungen Mann waren diese gar nicht aufgefallen.

Er erzählte begeistert von den vierzehn verschiedenen Traktorarten, die den Zug begleitet haben. Ich wusste nicht, dass es so viele unterschiedlich Traktoren überhaupt gibt.

Wirklichkeitskonstruktion in Organisationen

Übertrag in den Bereich der Organisationen

Bei dem Beispiel des „Hupens“ geht es sicherlich um das Thema Eigen- und Fremdwahrnehmung. Gleichzeitig können wir es auch als Innen- und Außenwahrnehmung eines (meines psychischen) Systems betrachten. Beide unterscheiden sich.

In einer Organisationsberatung kam es zu einem Konflikt. Die Gesamtleitung einer Organisation hatte eine neue Webseite und eine Broschüre erstellt. In beiden waren die Werte zu finden, welche die Organisation nach außen hin präsentieren sollte.

Die Mitarbeiter sollten diese Werte präsent haben und in Kontakten darstellen. Relativ schnell kam es dazu, dass die Mitarbeiter unzufrieden waren. Sie fanden die Werte im Umgang mit Klienten und Kunden gut. Gleichzeitig hatten sie das Gefühl, dass im Umgang mit ihnen gegen diese Werte verstoßen wurde.

Die Urlaubserzählungen können übertragen in den Bereich „Ich weiß, wovon du sprichst“ übernommen werden. In Organisationen finden wir ähnliche Phänomene, wenn es beispielsweise um Themen wie „Loyalität“, „Toleranz“ oder „Mitarbeiterführung“ geht.

Selbst bei Zielstrategien sind solche Phänomene erkennbar. Viele Anteile der Themen stimmen bei unterschiedlichen Personen überein. Meist gibt es jedoch auch unterschiedliche Sichtweisen, die dann durchaus zum Konflikt führen können.

Im abschließenden dritten Beispiel geht es um unterschiedliche Fokusse auf ein und dasselbe Geschehen. Diese Unterschiede sind zwischen Menschen und innerhalb von Organisationen an der Tagesordnung.

So hat die Marketingabteilung sicherlich einen anderen Fokus, als die Produktion beziehungsweise die Abteilung, welche die Dienstleitungen zur Verfügung stellt. Selbst in Bereichen der Organisationsleitung oder der Mitarbeiterführung wird es zu unterschiedlichen Betrachtungsweisen kommen.

Wirklichkeitskonstruktion und Sprache

Umgang mit der Wirklichkeitskonstruktion

Die Sprache spielt in allen drei Beispielen eine zentrale Rolle. Im Beispiel „Hupen“ sind es auf der persönlichen Ebene eher Selbstgespräche. Beim Aufbau unserer Wirklichkeit, der Wirklichkeitskonstruktion, spielt die Sprache eine zentrale Rolle. Sie ermöglicht uns zum einen über uns selbst nachzudenken und dient in der Kommunikation als Zugang zu anderen Menschen.

Beobachtungen von Situationen liefern uns vermeintliche Fakten. Wir erklären und bewerten eine mögliche Sichtweise auf das, was uns begegnet. Dies ist eine Schwierigkeit, mit der wir in der Teamleitung immer wieder umgehen müssen.

Wenn wir diesen vermeintlichen Fakten folgen und sie als gegeben hinnehmen, engt dieses unsere Handlungsmöglichkeiten ein und kann uns sogar in die Irre führen. Beispielsweise in Absprachen während eines Mitarbeitergespräches oder bei der Zielplanung.

Es geht in der Rolle als Teamleitung auch immer wieder darum Eindeutigkeiten in Frage zu stellen, um Neubewertungen anregen zu können. Hier gilt es immer wieder zu bedenken, dass die Handlungskonsequenzen, welche sich aus der Wirklichkeitskonstruktion ergeben sich selten an Fakten sondern vielmehr an Erklärungen und Bewertungen orientieren.

Auflösen von Wirklichkeitskonstruktion

„Auflösen“ von Wirklichkeitskonstruktion

An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie wir Wirklichkeitskonstruktionen, beziehungsweise so genannte Fakten, auflösen können. Hier bietet Prof. Dr. Fritz B. Simon drei Ebenen an um „dichte Beschreibungen“ zu „verdünnen“.

  1. Die Beschreibung von Phänomenen: Welche Phänomene werden überhaupt unterschieden und erkannt, also in unsere Wahrnehmung einbezogen? Deutlich ist dies am Karnevalsbeispiel zu erkennen.
  2. Die Erklärung der Phänomene: Welche Hypothesen werden gebildet und welche Ursache-Wirkungs-Beziehungen konstruiert um die Entstehung eines Phänomens zu erklären? Dies lässt sich wahrscheinlich an dem „Hupbeispiel“ erkennen.
  3. Die Bewertung eines Phänomens: Hier existieren unterschiedliche Möglichkei­ten, ein Phänomen zu bewerten. Als gut, schlecht, erfreulich, bewahrenswert …

Weiterlesen und Quellen

Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus – F. B. Simon

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