Verzerrung – Die andere Weltsicht

Verzerrung – Die andere Weltsicht

Viele Kunstwerke entstehen aus einer Verzerrung der „Wirklichkeit“. Gut gemachte Filme verzerren und erzeugen damit Spannung oder andere Gefühle. Kreative Ideen fangen oftmals mit einer Verzerrung an. Verzerrungen begegnen uns täglich und fast überall.

Auch das Meta-Modell ist eine Verzerrung. Es abstrahiert Generalisierung, Tilgung und Verzerrung. Beleuchtest sie getrennt. Dabei enthalten unsere Kontakte alle drei Positionen. Zeitweise gehen sie ineinander über oder werden kombiniert.

Wie bei den beiden anderen Sprachmodellen hat auch die Verzerrung ihre Tücken. Durch Verzerrung passen wir die Welt und unsere Sicht derselben an.

Ich hatte mehrere Termine mit einer Klientin. Aus ihrer Sicht hatte sie nur sporadische Kontakte und ihre Umgebung interessierte sich nur wenig für sie. Da ich die These vertrete, dass Köln eigentlich ein Dorf ist, wunderte ich mich nicht, sie auf einer Party zu treffen. Sie verbrachte den Abend in vielen Gesprächen, war sehr gut im Kontakt mit anderen Gästen und wurde ständig angeflirtet.

Ich war erstaunt, über ihre eigene Darstellung der Party. Von den Flirtversuchen hatte keinen Einzigen wahrgenommen. Den Kontakt zu den anderen Gästen hat sie als deren Höflichkeit beschrieben.

Verzerrungen erhalten Erfahrungen

Wenn wir etwas verzerren, geschieht das überwiegend um unsere Sicht auf die Welt und uns zu erhalten. Viele selbsterfüllende Prophezeiungen dienen dazu, unsere Glaubenssätze zu bestätigen. Wenn wir Erfahrungen nicht tilgen können, verzerren wir sie halt.

Viele Verzerrungen haben ihren Uhrsprung, wie auch unsere Glaubenssätze, in der Kindheit. Sie dienten zum Schutz und gaben uns Sicherheit. Auch wenn wir als Erwachsene beides nicht mehr in dem Maße benötigen, erhalten wir sie aufrecht. Doch kommen wir nun zu den Mustern der Verzerrung.

Muster der Verzerrung

Verzerrung ist Äpfel mit Birnen vergleichen

Komplexe Äquivalenz

Vielleicht kennen Sie die Aussage „Äpfel mit Birnen“ vergleichen. Das ist umgangssprachlich das, was die komplexe Äquivalenz meint. Zwei Aussagen werden so miteinander verbunden, dass sie als Gleichbedeuten behandelt werden.

Ein gutes Beispiel ist die Aussage, „Hier spielt die Musik!“, die gerne in der Erziehung gebraucht wird. Sie beinhaltet die komplexe Äquivalenz „Wenn du mich nicht ansiehst, während ich mit dir rede, hörst du mir nicht zu.“ Zuhören ist gleichbedeutend mit ansehen.

Kurzer Exkurs zuhören

Menschen, die auditiv orientiert sind, werden in Gesprächen leicht an Ihnen vorbeischauen. Sie schenken Ihnen ihr Ohr. Solche Menschen wollen jede Nuance ihrer Aussage mitbekommen. Das geht nur, wenn sie sich vollends auf ihr Gehör konzentrieren.

Andere Menschen, welche eher gefühlsbetont sind, schauen in Gesprächen vielfach geradeaus oder nach unten. Sie möchten mitbekommen, welche Gefühle das gesagte bei Ihnen auslöst.

Da Menschen auf unterschiedliche Weise Denken und Handeln, hüten Sie sich bitte vor solchen und ähnlichen Bewertungen. Anschauen und zuhören haben nichts miteinander zu tun.

Weitere Beispiele

  • Du lächelst nicht, also macht es dir keinen Spaß
  • Du lachst. Ich denke, du machst Hausaufgaben.

Die Verzerrung hinterfragen

Wieso bedeutet das eine gleichzeitig das andere?  Wo sehen sie den Zusammenhang zwischen den beiden Aussagen?

Verzerrung schützt unsere Wahrnehmung der Welt

Vorannahmen

Es ist uns nicht möglich, ohne Einstellungen, Erwartungen und Glaubenssätzen zu sein. Das kann dazu führen, dass wir das bekommen, was wir erwarten. Im Positiven, wie im Negativen. Daher ist es durchaus sinnvoll, Vorannahmen so zu hinterfragen, dass Wahlmöglichkeiten geschaffen werden.

Vorannahmen verstecken sich gerne in neutral wirkenden Sätzen. Da sie uns nicht bewusst sind, packen wir sie einfach hinein. Zwei Beispiele: „Wenn du groß und klug bist, wirst du das verstehen.“ (Vorannahmen könnte sein: Jetzt bist du klein und dumm.) „Ich werde mich auf dieser Stelle sehr anstrengen.“ (Vorannahme könnte sein: Die Arbeit in diesem Bereich ist sehr schwer.)

Aussagen, die in dieser Form Vorannahmen einbeziehen, können verletzend wirken. Des Weiteren fungieren sie auf einer tieferen Ebene. Da beispielsweise das „dumm“ in der obigen Aussage nicht ausgesprochen wird, wirkt es eher in der unbewussten Wahrnehmung.

Eine gute Tarnung für Vorannahmen ist die „Warum“ Frage. „Warum kommst du jeden Abend so spät nach Hause?“ Die Frage enthält die Vorannahme, dass das Gegenüber jeden Abend spät nach Hause kommt (Generalisierung). Sobald Sie eine solche „Warum“ Frage beantworten, sitzen Sie in der Falle. Mit der Beantwortung akzeptieren sie die Vorannahme.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel: „Warum sprichst du nicht öfter über deine Gefühle?“ (Du sprichst nicht oft genug über deine Gefühle.) Da hier mehrere Bereiche des Meta-Modells angesprochen werden, gilt es diese zu sortieren. „Du meinst also, ich spreche nicht oft genug über meine Gefühle?“ „Bei welchen Gelegenheiten erwartest du, dass ich über meine Gefühle spreche?“ „Wie oft ist den genug?“

Hinterfragen der Verzerrung

Was führt Sie dazu anzunehmen, dass …. (Vorannahme einfügen)

Verzerrung bedeutet Menschen und Maschinen gleichzusetzen

Ursache und Wirkung

Sowohl die gesellschaftliche Entwicklung wie auch unsere Sprache verleiten dazu, in Ursache-Wirkung-Mechanismen zu denken. Hierdurch entsteht die Gefahr Menschen wie physikalische Objekte zu behandeln. Der Ursache-Wirkung-Mechanismus hat seinen Ursprung in der Physik und wurde durch die industrielle Revolution auf den Menschen übertragen. (Mein Körper funktioniert wie eine gut geölte Maschine.)

Eine sehr häufig auftauchende Form des Ursache-Wirkungs-Musters ist es, andere Menschen für den eigenen emotionalen Zustand verantwortlich zu machen. „Du machst mich wütend.“; „Deinetwegen bin ich traurig.“  Diese Verwendung des Musters führt entweder in die Rolle des Opfers oder in die einer Übermutter.

Wir alle erzeugen unsere Gefühle selber. Niemand kann das von außen für uns tun. Die Verantwortung über unser Gefühle liegt einzig und alleine bei uns. Es ist nicht einfach, die Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen. Aussagen, welche die Gefühle hinterfragen sind nur dann sinnvoll und zielführend, wenn sie einen guten Kontakt zu ihrem gegenüber haben.

Weitere Beispiele

  • Das Wetter schafft mich.
  • Wenn die Mitarbeiter mitziehen würden, würde mir die Arbeit mehr Spaß machen.

Hinterfragen der Verzerrung

„Wie genau verursacht dieses, jenes?“ „Was müsste passieren, damit dieses nicht durch jenes verursacht wird?

„Wie bringen Sie sich dazu, sich in Bezug auf das, was sie gesehen oder gehört haben, so zu fühlen oder zu reagieren?“ (Wie genau machen sie es, dass sie auf seine Aussage hin traurig werden?)

Gedankenlesen ist eine Verzerrung

Gedankenlesen

Wenn jemand davon ausgeht, dass er weiß, was der andere denkt oder fühlt, ist das Gedankenlesen. So etwas passiert häufig. Manchmal ist unsere Intuition richtig. Vor allem dann, wenn wir unser Gegenüber gut kennen.

Es kann sich allerdings um eine Übertragung unserer eigenen Gedanken und Gefühle handeln. Wir gehen davon aus, dass der andere in dieser Situation sich genauso fühlt, wie wir uns in der Situation fühlen würden. Wir projizieren unsere eigenes, teils unterbewusstes, Gefühlsleben auf unser Gegenüber.

Beispiele für diese Form des Gedankenlesens

  • „Er ist wütend, wollte es aber nicht zugeben.“
  • „Ich weiß, was ihn von seinen trüben Gedanken wegbringt.“
  • „So wie sie schaut, ist sie total unglücklich.“

Die andere Form des Gedankenlesens ist es, von anderen Menschen anzunehmen, sie könnten es bei uns.

  • „Wenn du mich wirklich liebst, siehst du, wie es mir geht.“
  • „Du solltest wissen, dass ich das mag.“

Menschen, die dieses Muster übermäßig anwenden, haben es nicht gelernt, klar zu kommunizieren. Ihnen fällt es schwer, zu benennen, was sie sich wünschen oder erhoffen. Das kann zu ausufernden Streitigkeiten führen und endet in der Einsamkeit. (Nur Mama kann mich verstehen.)

Hinterfragen der Verzerrung

„Woher (genau) wissen Sie … ?“

Weiterlesen

Hier geht es zur Methodenübersicht.

 

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