Tilgung – Wie man sich selber unfähig macht

Wie „man“ sich unfähig macht

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Im letzten Artikel zu der „Meta-Modell-Reihe“ bin ich auf Generalisierungen eingegangen. Dieses Mal möchte ich Ihnen das Thema Tilgung näherbringen. Das Wort „man“ ist für diese Sprachform ein gebräuchliches und damit gutes Beispiel.

Gespräch mit einem Klienten

„Man muss doch verstehen, dass man sich so verhält. Was soll man denn sonst tun.“ Dieser Klient zeichnete sich durch den immensen Gebrauch von Tilgungen aus. Das Wort „man“ gehörte zu seinen Lieblingsworten. In seinen Gedanken war die Welt gegen ihn und das Leben ein einziger Kampf. „Da kann man halt nichts machen.“ Die Opferrolle wurde eingenommen, ja nahezu perfekt ausgefüllt. „Man war ja schließlich handlungsunfähig.“

Je mehr es mir gelang vom man zum ich zu kommen umso präsenter wurde der Klient. Tatsächlich tauchten anfängliche Handlungsimpulse auf. Jedoch war es über Monate hinweg ein ähnliches Spiel. Das „man“ hielt sich hartnäckig.

Tilgung verhindert Handlung

Was passiert bei einer Tilgung

Das „man“ in einem Satz trennt den Menschen und seine Handlung. Beobachte Sie einmal, wann das Wort „man“ gebraucht wird. In vielen Fällen wird es so sein, dass sich die Menschen von einer Situation entfernen wollen, in der sie gerade stecken.

Die starke Verwendung von „man“ kann dazu führen, dass Menschen, die das Wort mehrfach gebrauchen, tatenlos werden. Nicht selten sind sie es und fühlen sich als Opfer der Situation. Auf weitere Tilgungen gehe ich gleich ein.

Nicht nur mit dem Wort „man“ berauben sich Menschen ihrer Handlungsalternativen. Eine Tilgung, vor allem, wenn sie häufig gebraucht wird, führt zur Ausblendung. Handlungsoptionen, Chancen und Möglichkeiten werden nicht mehr wahrgenommen. Dieses führt dann auch in sich selbst erfüllende Prophezeiungen.

Dennoch ist Tilgung wichtig

Auch diesmal möchte ich von einer Wertung weg. Viele sprachliche Tilgungen zu verwenden, ist schädlich. Keine Tilgung genauso.

Wenn ich beispielsweise einen Bericht über einen Klienten verfasse, kann ich nicht jedes Detail oder jede Ausnahme beschreiben. Ich suche repräsentative Verhaltensweisen heraus, die ich für wichtig und aussagekräftig halte. Den Rest lasse ich unter den Tisch fallen. Ich tilge. Hierin liegt sicherlich auch ein Problem, doch darauf möchte ich diesmal nicht eingehen.

Jedes Modell lebt von der Tilgung. Tages-, Wochen-, oder Jahrespläne wäre unmöglich zu führen, wenn wir nicht tilgen würden. Bei Vorträgen sollten wir tilgen zu viele Details lähmen und wirken einschläfernd. Die Tilgung hat also ihre Berechtigung.

Jetzt möchte ich auf die einzelnen Formen der Tilgung eingehen. Bedenken Sie bei allen Mustern der Tilgung bitte, dass Tilgungen tiefgreifend sind. Meist müssen sie mehrfach hinterfragt werden.

Muster der Tilgung

Unspezifische Substantiv

Lesen Sie sich bitte die beiden folgenden Sätze durch: „Der Kollege fiel, auf dem Rückweg von der Arbeit, als er bremsen musste vom Fahrrad, und brach sich einen Fuß.“ „Der Kollege hatte einen Unfall.“ Beide Sätze sind in ihrer Bedeutung sehr ähnlich. Im ersten Satz finden Sie jedoch sehr viel mehr Details. Solche Formen der Tilgung werden vor allem dann gebraucht, wenn möglichst wenige Informationen bekannt werden sollen. Ein guter Gebrauch der Sprache ist kein Garant für Klarheit. Sicherlich kenn Sie die Redewendung: „Er hat zwar viel gesprochen, aber gesagt hat er nichts.“ Doch zurück zum unspezifischen Substantiv.

Das aktive Subjekt eines Satzes kann durch das Einsetzen eines Passivs getilgt werden. Zum Beispiel: „Die Station wurde eingerichtet.“ An der Stelle von „X hat die Station eingerichtet.“ Gerade diese Art der Tilgung birgt ein immenses Risiko in sich, Opfer der Umstände zu werden. Das Ereignis ist einfach geschehen, ohne, dass jemand verantwortlich ist.

Weitere Beispiele:

  • „Das ist Ansichtssache.“ – Was?
  • „Die Diagnostik wurde falsch erstellt.“ – Wer hat sie erstellt?
  • „Die Besucher sind eine Plage.“ – Welche Besucher?
  • „Das Team arbeitet nicht effektiv.“ – Welches Team? Welche Mitarbeiter genau, aus diesem Team?

Hinterfragen der Tilgung

„Wer oder was genau …?“

Tilgung aufzulösen bedeutet den Prozess zu beschleunigen

Unspezifische Verben

Garde bei Prozessen und Arbeitsabläufen kann es wichtig sein, präzise Informationen zu erhalten. Hieraus lassen sich Abläufe besser konstruieren und gegeben Falls Handlungspläne erstellen. Wenn ein Verb nicht näher bestimmt ist, könnte die Frage nach dem Adverb uns weiterbringen.

Das Hinterfragen dieser Tilgung wird Ihnen leichtfallen, wenn Sie in Aktionen beziehungsweise Prozessen denken und Ihre Fragen dementsprechend stellen. Jedes Verb kann genauer spezifiziert werden.

Beispiele:

  • „Sie verletzte sich beim Anlegen des Gipses.“ – Wie genau hat sie sich verletzt?
  • „Der Jugendliche reiste zu seinen Eltern.“ – Wie genau reiste er?
  • „Ich versuche mich daran zu erinnern.“ – Wie (genau) erinnerst du dich?

Hinterfragen der Tilgung

Klar: „Wie genau …“

Vergleiche

Gerade bei Zielen kommt es zu unklaren Vergleichen. „In Zukunft will ich bessere Teamgespräche führen.“ Sie, Ihre Mitarbeiter und Klienten können nur etwas vergleichen, wenn etwas da ist, womit verglichen werden kann. Wenn der Vergleichspunkt fehlt, können Sie diesen hinterfragen.

Besser, im Vergleich womit? Wie hätten Sie die Teambesprechung besser führen können?

Es kommt überaus häufig vor, dass die getilgte Hälfte des Vergleiches unrealistisch ist. Es wird von einem Idealbild ausgegangen. Um im Beispiel zu bleiben: „Etwa besser zu machen, geht immer.“

Weitere Worte, die bei einer Tilgung im Vergleich gebraucht werden sind: „am besten“; „schlechter“; „am schlechtesten“

Hinterfragen der Tilgung

„Verglichen womit …?“

Bewertungen enthalten sehr oft Tilgungen

Bewertung

Bewertungen und Vergleiche gehen oft Hand in Hand. Wenn ein Klient beispielsweise sagt: „Ich bin dumm.“ Könnten Sie fragen: „Wer sagt das?“ In solchen Situationen folgt dann meist ein: „Ich.“ Damit kommen wir zum Vergleich. „Mit wem vergleichen Sie sich?“ „Welche Messlatte legen Sie an?“

Bei Bewertungen gibt es direkt zwei Möglichkeiten nachzufragen. Zum einen geht es darum, wer die Bewertung trifft. Die zweite Frage dreht sich um die Gründe für die Bewertung. Nach meiner Erfahrung stammen viele Gründe für Bewertungen der eigenen Person aus der Kindheit. Es sind Argumente, die heute schon längst nicht mehr gelten. Dennoch werden Sie beibehalten.

Beachten Sie, dass Worte, die mit „-lich“ oder „-weise“ enden, die Person tilgen, die die Bewertung trifft. „Offensichtlich wäre sie die ideale Teamleiterin.“ – „Für wen ist das offensichtlich?“

Hinterfragen der Tilgung

„Wer macht diese Bewertung und auf welcher Basis wird sie getroffen?“

Nominalisierung

Nominalisierungen finden dann statt, wenn ein Verb in ein Substantiv verwandelt wird. Wenn ein Substantiv weder gesehen, gehört, berührt, gerochen oder geschmeckt werden kann, ist diese Form der Tilgung vorhanden. Kurz gesagt: „Sollten Sie es nicht anfassen können, ist es wahrscheinlich eine Nominalisierung.“

Beispiel: „Ich erwarte Respekt für meine Arbeit.“ Respekt können Sie nicht anfassen. Um die Nominalisierung zu öffnen, könnten Sie folgende Frage stellen: „Wer soll Sie respektieren und wie geschieht dies?“, oder „Produktivität ist etwas Gutes.“ – Hier dürfen Sie selbst überlegen.

Weitere Beispiele: „Disziplin, Herausforderung, Erziehung, Hilfestellung, Wissen, Toleranz, Sicherheit, …“

Um Informationen zu sammeln, können Sie diese Nominalisierung in einen Prozess zurück verwandeln. Hauptsächlich geht es darum, dass Sie sensibel für Redewendungen und Wörter werden, die einen Prozess darstellen.

Hinterfragen der Tilgung

„Wer spricht hier mit einer Nominalisierung über was, und wie macht er dies?“

Weiterlesen

Neurolinguistisches Programmieren – J. O´Connor, J. Seymour

Charisma fällt nicht vom Himmel – G. Wawschinek

Hier geht es zur Übersicht der Methoden.

 

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2 comments on “Wie „man“ sich unfähig macht

  1. Ganz genau! Du bist, was Du sprichst. Sag ich doch. Man, immer, nie, alle, niemand und jeder sind solche “leeren” Gebilde. Eigentlich und vielleicht ebenfalls. Und all die Konjunktive! Weg damit. Herzlichst Elke

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar,
      liebe Elke.
      „Du bist, was du sprichst“, geht mir vielleicht etwas weit. „Du denkst, wie du sprichst“, trifft es für mich eher.
      Freundliche Grüße
      Peter Wiesejahn

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